Das Mädchen im roten Pullover
Ein Schuhkarton voller Geschenke wird zum Start ins Leben
Tatiana singt. Vor ihr auf der Bühne steht ein kleiner Kinderchor. Wie gebannt folgen die Jungen und Mädchen Tatianas Stimme, ihren Gesten, ihren Blicken. Sie singen aus voller Kehle. Tatianas Begeisterung steckt an.
Jeder Platz ist besetzt im Saal des Gemeindezentrums der Baptisten in Strășeni in der Republik Moldau. Mehr als 60 Kinder sind gekommen, manche mit ihren Eltern, andere allein. Sie warten darauf, einen Schuhkarton zu bekommen. Der kleine Chor ist Teil des Rahmenprogramms. Zwischen den Liedern erzählt Tatiana den Kindern biblische Geschichten. Immer wieder spricht sie Kinder an, fragt etwas, die Kleinsten dürfen einzelne Szenen an bunten Bildtafeln zeigen. „Ich liebe die Arbeit mit Kindern“, erzählt Tatiana.
Man sieht es: Sie liebt die Kinder – und die Kinder lieben sie. Niemand käme auf die Idee, dass das einmal ganz anders war. „Manchmal wundere ich mich selbst: Wie konnte ich lernen, Kinder so sehr zu lieben?“, sagt die 22-Jährige.
Es ist gar nicht so lange her, da war Tatiana verschlossen und schüchtern. Sprechen fiel ihr schwer, vor anderen laut zu reden war schlicht undenkbar. Und wenn Tatiana heute die Kinder im Tageszentrum ihrer Gemeinde begrüßt, kennt sie vieles von dem, was sie mitbringen: die Armut, die Hilflosigkeit, die schwierigen Verhältnisse zu Hause.




Tatianas Geschichte beginnt in Russland. Ihre Mutter war 19, als sie dorthin ging, um Arbeit zu finden. Stattdessen geriet sie in die Hände von Kriminellen, wurde festgehalten, zur Zwangsarbeit gezwungen. Tatiana wurde in diese Situation hineingeboren. Schon als ganz kleines Mädchen musste sie auf der Straße betteln.
Als Tatiana elf Jahre alt war, gelang ihrer Mutter die Flucht. Gemeinsam mit Tatiana und ihrem Bruder kam sie in die Republik Moldau. Doch ein unbeschwerter Neuanfang wurde es nicht. Viel zu viele Menschen lebten gemeinsam in der engen Plattenbauwohnung ohne Heizung und warmes Wasser.

Der Alltag war geprägt von Sorgen, Streit und vom Alkoholmissbrauch des Stiefvaters. Auch in der Schule fand Tatiana keinen Halt. Mit fast zwölf Jahren konnte sie weder lesen noch schreiben, obendrein fiel ihr das Rumänische noch schwer. „Andere Kinder wollten mit uns nichts zu tun haben.“, erinnert sie sich.
Eines Tages wurde Tatiana über ein Kindertageszentrum zu einer Weihnachtsveranstaltung in der Kirche eingeladen. Das schüchterne Mädchen zögerte, traute sich zunächst nicht. Am Ende war die Neugier größer. Sie überwand sich und ging hin. Dort brannten Kerzen, es wurde gesungen, jemand erzählte Geschichten. Und dann bekam jedes Kind einen bunt verpackten Schuhkarton.




An diesen Augenblick erinnert sich Tatiana heute noch: „Als ich meine Geschenke sah, war ich überwältigt.“ Jemand, der sie nicht kannte, hatte lauter schöne Dinge für sie ausgesucht und eingepackt. In ihrem Karton fand sie unter anderem Stifte, ein Perlenset, einen Teddy – und einen roten Pullover. Gerade der Pullover bedeutete ihr viel: Neue Kleidung hatte sie nie besessen. Zu Hause konnte nur selten gewaschen werden, alles, was sie trug, roch ein wenig muffig. Oft schon war Tatiana gehänselt worden ihrer Kleidung wegen. Tatiana trug den neuen Pullover beinahe ununterbrochen. Sie wusch ihn von Hand, trocknete ihn auf dem Ofen und zog ihn gleich wieder an.
Und: Sie lief schon am nächsten Tag zurück zum Gemeindezentrum.


Erica, eine Mitarbeiterin der Gemeinde, erinnert sich gut an das Mädchen, das damals vor ihr stand. „Ich dachte: Dieses Kind ist hungrig – hungrig nach Liebe und nach Brot.“ Erica setzte Tatiana in den Gottesdiensten und Kindergruppen direkt neben sich: „Ich habe ihr kleine Aufgaben gegeben und sah, wie sie aufblühte. Wir haben uns von Herz zu Herz verbunden.“
Mit der Zeit wurde Erica zu einer Art geistlicher Mutter für Tatiana. Wenn die Situation zu Hause unerträglich wurde, suchte sie bei ihr Zuflucht, manchmal mitten in der Nacht. „Sie hat mich in die Arme genommen und mir die Liebe gegeben, die mir zu Hause fehlte“, sagt Tatiana heute.


Tatiana besuchte den Glaubenskurs Die größte Reise. Und fast nebenbei geschah dabei etwas sehr Praktisches: Sie lernte lesen. Vor allem aber, sagt sie, habe sie gelernt, wer Jesus ist: „Er ist mein wahrer Freund.“ Der Glaube veränderte nach und nach Tatianas Blick auf sich selbst und auf andere. Aggressiv sei sie vorher gewesen, erzählt sie, voller Zorn auf die Welt, auf ihre Familie und auf sich selbst. Heute kann sie anderen Menschen mit Liebe begegnen.




Erica hat diese Entwicklung über Jahre miterlebt. Wie eine Tulpenzwiebel sei Tatiana gewesen, sagt sie mit einem Augenzwinkern und erklärt: „Tulpenzwiebeln wirken ja erst einmal unscheinbar. Und was sieht man heute? Eine wunderschöne Blume ist sie geworden!“
Auch Pastor Adrian Blajinschi kennt Tatiana seit vielen Jahren. „Tatiana ist das beste Beispiel dafür, wie „Weihnachten im Schuhkarton“ Leben verändert.“, meint er, „Sie kam, um ein Geschenk zu bekommen. Heute, 11 Jahre später, ist sie getauft, macht eine Ausbildung, hilft in unserem Tageszentrum und ist sogar schon für unsere Nachbargemeinde im Einsatz.“ Sein Fazit:
„Dieser Schuhkarton war der Anfang einer Reise ins Leben.“


Tatiana selbst findet für ihren Lebensweg ein anderes Bild. Sie vergleicht sich mit Josef aus der Bibel: einem Menschen, der großes Unrecht erlebt und dennoch erfahren hat, dass seine Geschichte damit nicht zu Ende war: „Gott hat das Böse in Gutes verwandelt.“
Sie hat eine Botschaft für die Menschen, die irgendwo in Deutschland einen Schuhkarton packen:
„In jedem Schuhkarton spürt man die Liebe der Menschen, die ihn gepackt haben. Es ist egal, was genau darin ist – ich glaube fest daran, dass Gott für jedes Kind genau das vorbereitet hat, was es in diesem Moment braucht. Es ist ein echtes Wunder.“
