„Ich hätte mehr retten sollen.“
Begegnungen im Emergency Field Hospital in Venezuela, eine Krankenschwester erzählt
Linda, 29 Jahre alt und Krankenschwester aus der Schweiz, hat mehrere Wochen in unserem Feldkrankenhaus in Venezuela gearbeitet und ist nun nach Hause zurückgekehrt. Ihre sehr persönlichen Eindrücke zeigen, wie sehr die Menschen dort leiden – und wieviel Hoffnung es dennoch gibt:
Die ersten Wochen im Feldkrankenhaus waren intensiv. Es gab kaum Zeit, die vielen Eindrücke zu sortieren. Jeder Tag bringt neue Patienten – und mit ihnen neue Geschichten.



Da ist die 82-jährige Frau, die zwei Tage unter den Trümmern ihres Hauses eingeschlossen war, bevor ihr Enkel sie retten konnte. Sie war Tänzerin. Mehrere Knochenbrüche fesselten sie ans Bett. Für eine Frau, die ihr Leben lang getanzt hat, ist das besonders schwer. Sie hat ihr Zuhause verloren und nun auch ihre Beweglichkeit. Für sie haben wir ihre Lieblingsmusik abgespielt. Plötzlich begann sie mit den Zehen zu wippen. Und dann erschien das breiteste Lächeln auf ihrem Gesicht!
Dann war da ein Mann, der sich freiwillig an den Rettungsarbeiten beteiligt hatte. Dabei brach er sich das Bein und musste operiert werden. Als er aus der Narkose erwachte, wiederholte er immer wieder den gleichen Satz:
„Ich hätte mehr retten sollen.“
Ein 56-jähriger Mann stand vor einer schrecklichen Entscheidung: Entweder unter den Trümmern seines Hauses begraben zu werden oder aus dem Fenster zu springen. Er sprang aus rund acht Metern Höhe und zog sich dabei mehrere Knochenbrüche und weitere schwere Verletzungen zu. Weil die medizinische Versorgung nach dem Erdbeben weitgehend zusammengebrochen war, musste er fast eine Woche auf Hilfe warten.



Eine Patientin kam mit starken Bauchbeschwerden zu uns. Körperlich konnten wir ihr helfen, doch ihr größter Schmerz lag tiefer: Am Morgen des Erdbebens war ihr Mann nach langer Krankheit an einem Hirntumor gestorben. Noch bevor sie seinen Tod überhaupt nur begreifen konnte, zerriss das Erdbeben ihr Leben. Sie stand unter Schock und konnte das Erlebte bis heute nicht verarbeiten.
Eine andere Patientin kam zu uns, weil ihre Chemotherapie unterbrochen worden war: Ihr behandelnder Onkologe war beim Erdbeben ums Leben gekommen. Gemeinsam konnten wir zunächst ihre Schmerzen lindern und dann mit unserer Sozialarbeit eine Weiterbehandlung organisieren.
Eine 74-jährige Frau erlitt einen Unterschenkelbruch, als ihr Haus über ihr zusammenbrach. Sie lebt an einem steilen Hang außerhalb des Zentrums. Weil keine Fahrzeuge zu ihr gelangen konnten, trugen Nachbarn sie über mehr als 200 Treppenstufen hinunter – bis sie schließlich unser Feldkrankenhaus erreichte.


Beeindruckend sind aber nicht nur die Patienten. Auch viele unserer lokalen Mitarbeiter in der Pflege, der Reinigung, Übersetzung, Wäscherei oder im Sicherheitsdienst haben selbst alles verloren, viele trauern um Angehörige. Trotzdem kommen sie jeden Tag zur Arbeit und kümmern sich liebevoll um andere Menschen. Durch ihre Mitarbeit erhalten sie faire Arbeitsverträge und verlässliche Arbeitsbedingungen – etwas, das für viele Familien von unschätzbarem Wert ist und keineswegs selbstverständlich.
Eine unserer Pflegeassistentinnen wohnt ganz in der Nähe des Krankenhauses. Vor kurzem zeigte sie mir mit Tränen in den Augen das Foto eines neuen Herdes. Durch ihre Arbeit im Field Hospital konnte sie ihn für ihre Familie kaufen.
Mich bewegt es, dass so viele Menschen auf so verschiedene Weise betroffen sind von diesem Erdbeben. Ich bete, dass in jeder einzelnen Geschichte Menschen Jesus begegnen.
Die politische Lage ist angespannt. Aber immer wieder erzählen uns Menschen, wie dankbar sie sind, dass Helfer aus so vielen Ländern zu ihnen gekommen sind. Sie fühlen sich gesehen und wissen, dass sie nicht vergessen sind.
Bitte beten Sie weiter für die Menschen in Venezuela!