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„Es gibt keine verschwendete Liebe“
Ein Schutzraum auf dem Straßenstrich muss schließen

Seit fast 20 Jahren begleitet Alabaster Jar Frauen im Berliner Rotlichtmilieu. Die Räume des Café Neustart in der Kurfürstenstraße, in denen Alabaster Jar seit vielen Jahren als Untermieter ist, wurden dabei zu einem Schutzraum mitten auf dem Straßenstrich. Nun muss das Café schließen – und Alabaster Jar sucht dringend neue Räume.
 

Draußen liegt die Kurfürstenstraße. Autos fahren langsam vorbei, Männer halten Ausschau nach Frauen. Viele von ihnen stehen schon seit Stunden auf der Straße. Einige sind abhängig: von Alkohol und Drogen, von gewalttätigen Männern. Andere haben die Nacht irgendwo draußen verbracht oder seit Tagen kaum etwas gegessen. Drinnen steht warmes Essen auf dem Tisch. Hinter der Theke werden Teller vorbereitet mit Gebäck und belegten Broten, ehrenamtliche Helferinnen verteilen Kaffee und Tee.
 

Café Neustart
Angebot im Café

Seit vielen Jahren ist das Café Neustart für die Frauen im Berliner Rotlichtmilieu ein besonderer Ort. Für ein paar Stunden müssen die Frauen nichts aushalten und nichts vorspielen. Sie dürfen einfach sein. „Das sagen uns Frauen immer wieder: Hier drin bin ich eine ganz normale Frau“, erzählt Mariana Oliveira, seit drei Jahren Projektleiterin von Alabaster Jar. „Sie erleben, dass sie mit Respekt und Freundlichkeit behandelt werden.“ Nach rund 20 Jahren wurde Neustart e. V. der Mietvertrag nun gekündigt. Damit verliert auch Alabaster Jar die Räume, in denen das Projekt seit mehr als 15 Jahren zu Gast war. 

Seit fast 20 Jahren auf der Kurfürstenstraße

Alabaster Jar ist schon seit fast zwei Jahrzehnten im Berliner Rotlichtmilieu unterwegs. Das Projekt wendet sich an Frauen, die in Prostitution und sexueller Ausbeutung leben. Die Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen gehen dorthin, wo die Frauen sind: auf die Straße, in Bordelle und Stripclubs. Manchmal bringen sie kleine Geschenke mit, immer kommen sie mit Zeit und offenen Armen. Sie hören zu, bieten praktische Unterstützung und Beratung an. Sie begleiten Frauen zu Ärzten oder Behörden, vermitteln Hilfsangebote und unterstützen sie, wenn sie die Prostitution verlassen wollen. Und wenn eine Frau es möchte, sprechen sie mit ihr über Gott und beten mit ihr.

Straßeneibsatz Alabaster Jar
Straßeneinsatz Alabaster Jar

Im Mittelpunkt steht dabei der Aufbau tragfähiger Beziehungen. Denn die Geschichten der Frauen passen selten in einfache Kategorien. Gewalt, Armut, Sucht, psychische Belastungen und Abhängigkeiten greifen ineinander. Eine Frau kann heute Hilfe ablehnen und morgen dringend danach fragen. Eine andere schafft den Ausstieg und steht Monate später wieder auf der Straße. Wer verstehen will, was eine einzelne Frau braucht, muss ihre Geschichte kennen und ihr Vertrauen genießen.

Vom Ausgangspunkt zum offenen Café

Als Alabaster Jar vor mehr als 15 Jahren erstmals Räume im Café Neustart nutzen konnte, waren sie zunächst vor allem Basis für die Straßeneinsätze. Hier trafen sich die Teams, bereiteten ihre Runden vor und gingen anschließend gemeinsam auf die Kurfürstenstraße. Mit der Zeit entwickelte sich daraus mehr. Einmal in der Woche öffnet Alabaster Jar das Café nun für die Frauen. Es gibt selbstgekochtes Essen, Kleidung und Hygieneartikel. Weihnachten wird gemeinsam gefeiert, Ostern und Geburtstage. Allein 2025 kamen rund 150 verschiedene Frauen ins Café. Woche für Woche sind neue Gesichter dabei, viele Frauen kennt das Team aber schon seit Jahren.

Linda Jedich arbeitet seit sechs Jahren bei Alabaster Jar. Sie hat erlebt, wie Frauen es geschafft haben, Gewalt und Unterdrückung hinter sich zu lassen. Aber sie hat auch gesehen, wie Drogen, Gewalt und Obdachlosigkeit Frauen immer weiter zerstören. „Viele Menschen können sich das Leid gar nicht vorstellen“, sagt sie. Im Winter kämen Frauen durchaus auch mal barfuß ins Café. Einige hätten seit Tagen nichts gegessen. Andere schliefen stundenlang auf dem Sofa, weil sie keinen Ort hätten, an dem sie nachts zur Ruhe kommen könnten.

Doch es gibt auch viel Leichtigkeit, Freude und ganz normales Miteinander im Café. Dann erzählen die Frauen von ihren Familien, von Kindern und Enkelkindern. Eine zeigt stolz ein Foto ihrer schwangeren Tochter in der Heimat. Eine andere erzählt von einem neugeborenen Enkelkind. Das Team von Alabaster Jar sammelt Babykleidung, damit die stolze Großmutter sie ihrer Familie nach Hause schicken kann.

Gesellschaftsspiele im Café
Kleiderspenden im Café

Die Not auf der Straße verändert sich

In den vergangenen Jahren beobachten Mariana Oliviera und Linda Jedich, dass die Arbeit schwieriger geworden ist. Vor allem Drogen spielen eine immer größere Rolle. Früher musste das Team nur selten ein Hausverbot aussprechen. Inzwischen erleben die Mitarbeiterinnen häufiger Aggressivität, manchmal sogar Panik- oder Wahnzustände. Frauen schreien oder rennen plötzlich durch die Räume. Das Team muss gleichzeitig versuchen, die betroffene Frau zu schützen und dafür zu sorgen, dass das Café für alle anderen ein sicherer Ort bleibt.

Für Oliviera gehört das Ende jedes einzelnen Cafénachmittags zu den schwersten Momenten. Irgendwann müssen die schlafenden Frauen geweckt, das restliche Essen verteilt und der Schrank mit Kleiderspenden aufgeräumt werden. Die Schicht ist dann zu Ende – und die Frauen müssen wieder hinaus. „Für mich ist es immer wieder schlimm, wenn ich die Frauen nach der Caféschicht zurück auf die Straße schicken muss“, sagt sie. 

Wenn Ausstieg kein gerader Weg ist

Manchmal passiert es, dass eine Frau tatsächlich ein neues Leben beginnt. Sie verlässt die Prostitution, findet einen geschützten Ort, eine Wohnung oder Arbeit. Doch solche Geschichten sind selten geradlinig. Und es gibt deshalb auch nicht den einen Moment, in dem Hilfe beginnt oder erfolgreich abgeschlossen ist. Alabaster Jar bleibt in Beziehung – auch wenn eine Frau Hilfe zunächst ablehnt, wenn sie zurückkehrt oder wenn ihre Geschichte nicht so endet, wie man es sich wünschen würde. „Es gibt keine verschwendete Liebe“, hat eine ehrenamtliche Mitarbeiterin die Haltung des Teams einmal beschrieben. Die Arbeit von Alabaster Jar ist von der Überzeugung getragen, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist und eine unverlierbare Würde besitzt – unabhängig davon, wie sein Leben gerade aussieht. 

Mit der Schließung des Café Neustart beginnt eine schwierige Übergangszeit

Alabaster Jar wird seine Arbeit nicht einstellen. Die Teams bleiben auf der Kurfürstenstraße unterwegs, besuchen weiterhin Bordelle und begleiten Frauen individuell. Einzelne Treffen können vorübergehend auch in anderen christlichen Cafés stattfinden. Aber das ersetzt den bisherigen Schutzraum nicht. Nach fast 20 Jahren beginnt ein neues Kapitel. Die Not ist nicht kleiner geworden. Nun bricht Alabster Jar selbst auf und sucht einen neuen Ort. Einen Ort, an dem Beziehungen weiter wachsen können. Einen Ort, der Schutz bietet und Hoffnung gibt. Und einen Ort, an dem die Frauen für ein paar Stunden einfach Frau sein dürfen.

5. Mose 33, 27

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