Erdbebenhilfe in Venezuela
„Wir sehen Gottes Hand in dieser Situation“
Als am Abend des Mittwochs, 24. Juni, die Erde plötzlich zu beben begann, war Javier bei der Arbeit. Das Haus wankte, im letzten Moment schaffte er es ins Freie.
Javier lebt – aber hinter ihm liegen Tage voll quälender Ungewissheit: Sein Wohnhaus stürzte ein und Javiers Frau wurde vermisst. Tag und Nacht blieb er in der Nähe des Hauses. „Ich habe gebetet, dass Gott hilft“, sagt Javier. Schließlich wurde sie wirklich lebend gefunden. Die Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 – das zweite war das schwerste, das Venezuela seit mehr als hundert Jahren erschütterte – hinterließen in und um Caracas sowie in La Guaira Tausende Tote und Verletzte. Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern. Über eine Woche nach dem Beben suchen Rettungskräfte immer noch nach Vermissten, Nachbeben erschweren die Rettungsarbeiten.
Noch ist das volle Ausmaß der Katastrophe gar nicht zu überblicken. Stand jetzt weiß man: Mehr als 1.900 Menschen kamen ums Leben, über 10.500 wurden verletzt und mindestens 15.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Auch viele Krankenhäuser wurden beschädigt, andere waren schon wenige Stunden nach dem Erdbeben so überlaufen, dass sie keine weiteren Patienten mehr aufnehmen konnten.

Nur wenige Tage nach den Erdbeben landeten die ersten beiden Boeing-767-Hilfsflüge von Samaritan's Purse in Venezuela. Innerhalb weniger Tage entstand in der Küstenstadt La Guaira ein mobiles Feldkrankenhaus mit 56 Betten, zwei Operationssälen, Intensivstation, Labor und Apotheke. Dass diese Hilfe so schnell beginnen konnte, verdankt das Team auch unerwarteter Unterstützung: Rund 150 junge Männer der christlichen Bewegung „Legendarios“ halfen freiwillig beim Entladen der Hilfsflugzeuge und beim Aufbau des Feldkrankenhauses. Selbst erfahrene DART-Mitarbeiter berichten, sie hätten noch nie erlebt, dass ein Emergency Field Hospital so schnell einsatzbereit gewesen sei.
Und das Krankenhaus wurde dringend gebraucht. Noch bevor die letzten Arbeiten abgeschlossen waren, warteten bereits die ersten Patienten auf Hilfe. Einer der Ärzte beschreibt seine erste Schicht so: „Wir hatten kaum geöffnet, da wurde das Krankenhaus von Patienten regelrecht überflutet. Viele waren bereits am Tag des Erdbebens verletzt worden, konnten aber bisher nirgends behandelt werden. Sie kamen mit gebrochenen Knochen, eigenen Röntgenbildern oder Schienen. Manche hätten längst operiert werden müssen.“

Eine der ersten Patientinnen war Mariana. Als das Erdbeben ihre Wohnung erschütterte, stürzte eine Betonwand auf sie. Mehrere Tage erhielt sie keinerlei medizinische Versorgung. Als sie schließlich das Feldkrankenhaus erreichte, behandelte das Team ihre inzwischen infizierten Wunden, röntgte ihren verletzten Fuß und versorgte sie mit Antibiotika. Bevor sie nach Hause ging, betete sie mit den Mitarbeitern. Mariana ist überzeugt: „Der HERR hat euch zu unserem Volk geschickt.“
Samaritan’s Purse stellt sich angesichts der Vielzahl zerstörter Krankenhäuser auf einen längeren Einsatz ein. „Wir werden im Feldkrankenhaus nicht nur die unmittelbaren Folgen des Erdbebens behandeln“, erklärt Peter Holz, Leiter des Feldkrankenhauses. „Wir werden es mehrere Monate betreiben und so das Gesundheitssystem im Bundesstaat La Guaira unterstützen.“
Neben der medizinischen Versorgung verteilen die Teams gemeinsam mit einem Netzwerk lokaler Kirchengemeinden Hilfsgüter in den besonders schwer betroffenen Orten. Tausende Menschen sind obdachlos. Ganze Familien leben seit dem Erdbeben auf den Straßen oder zwischen den Trümmern ihrer Häuser. Die Gemeinden dienen als Verteilzentren und helfen, besonders betroffene Familien schnell zu erreichen. Freiwillige verteilen Planen für Notunterkünfte, Decken, Solarlampen und Hygienepakete.

Auch Cecilia hat ihr Zuhause verloren. Mit sieben Familienmitgliedern hat sie schon mehrere Nächte auf dem Marktplatz verbracht, ungeschützt, auf dem Boden. Auf dem Parkplatz ihrer Kirche verteilt Samaritan’s Purse dringend benötigte Notausstattung. Die Planen, die Cecilia erhält, schützen die Familie nun vor der sengenden Sonne und den nächtlichen Regenschauern. Für Cecilia ein erstes Zeichen der Hoffnung nach der Katastrophe: „Wir sehen Gottes Hand in dieser Situation“, sagt sie.
Inzwischen sind bereits drei Boeing-767-Frachtflugzeuge mit Hilfsgütern in Venezuela gelandet. Neben dem Feldkrankenhaus und den Hilfsmaterialien brachten sie Meerwasserentsalzungsanlagen ins Katastrophengebiet. Jede dieser Anlagen kann stündlich rund 1.500 Liter sauberes Trinkwasser produzieren und versorgt Gemeinden, deren Wasserversorgung zusammengebrochen ist. „Ohne sauberes Wasser breiten sich Krankheiten aus“, erklärt Bruce Clounie, WASH Program Manager bei Smaritan’s Purse.
In den kommenden Tagen sind weitere Hilfsflüge geplant. Peter Holz sagt: „Wir glauben, dass Gott uns aufgerufen hat zu helfen, unseren Nächsten zu helfen – und unser Nächster ist Venezuela. Wir sind hier, um Verletzungen zu behandeln – und mit unserer Arbeit Jesu Liebe sichtbar werden zu lassen.“
