Gott öffnet eine Tür
"Alabaster Jar" feiert mit Frauen im Berliner Rotlichtmilieu Ostern

Sabrina hat sich schick gemacht. Sie trägt einen pinken Hosenanzug, viel Make-up bedeckt ihr müdes Gesicht. Vor dem Café in der Berliner Kurfürstenstraße sitzt sie auf der Bank, zündet sich eine Zigarette an und schimpft. Die junge Frau da drüben habe sich unter Wert verkauft, sagt sie wütend, und zeigt heftig gestikulierend mit der glühenden Zigarette auf eine Frau in Lederhose, die gerade mit einem älteren Mann um die Straßenecke verschwindet.

Sabrina ist zur Osterfeier gekommen, auch wenn sie mit Ostern nichts anfangen kann, wie sie erzählt. 

„Früher, ja, da hab ick ooch Ostern jefeiert“, sagt sie mit einer wegwerfenden Handbewegung und steckt sich eine neue Zigarette an. Im Café hat das Team kleine Ostergeschenke vorbereitet: Schokoladeneier in bunten Tütchen, Muffins mit Möhren-Dekor, auf dem Herd brodelt ein Eintopf.

Ostergeschenke für die Frauen

Nach und nach kommen die Frauen herein. Jede bringt ihre eigene Geschichte mit. Manche wollen reden, erzählen, sich etwas von der Seele reden. Aber die meisten sind erschöpft und ausgebrannt. Hohlwangig, mit dunklen Schatten unter den Augen, sitzen sie schweigend da und löffeln ihren Eintopf.

Eine Frau sucht sich eine neue Hose aus. Sie ist so dünn, dass noch die kleinste vorhandene Kindergröße rutscht, der Hosenbund am Ende mit einem Schal festgebunden werden muss. Eine andere stößt laute Drohungen aus, tritt gegen das Sofa. Sie steht unter Drogen. Wenig später nimmt sie ihre Ostereier an sich und steigt draußen zu einem Mann in einen dunklen Golf.

Drinnen wird es still. Jule, eine der Mitarbeiterinnen von Alabaster Jar, hat ein Buch mitgebracht. Sie liest die Ostergeschichte vor. Das Buch lässt sich von zwei Seiten öffnen – einmal wird die Geschichte von Jesu Einzug nach Jerusalem erzählt bis zur Kreuzigung. Doch so endet die Geschichte nicht: Von der anderen Seite geöffnet liest man von der Auferstehung, von Ungläubigen und Gläubigen, vom Unglaublichen und vom Sieg über den Tod. Jule erklärt, zeigt die großen Illustrationen, die Frauen hören aufmerksam zu. Eine von ihnen nimmt das Buch in die Hände, fährt vorsichtig über die Seiten und betrachtet die Bilder lange. Jule schenkt ihr das Buch. 

Die Ostergeschichte aus einem Kinderbuch

Das Lesen der Ostergeschichte gehört zu den besonderen Momenten der Ostereinsätze von Alabaster Jar. Mit Straßeneinsätzen, Café-Angeboten, Bordellbesuchen, Beratung, konkreten Hilfen und Gebet setzt sich das Team in Berlin für Frauen ein, die in Prostitution und Ausbeutung leben. Auch in Bordellen und Stripclubs war das Team in diesen Tagen unterwegs. An drei neuen Orten versuchten die Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen – vergeblich, die Türen blieben verschlossen. Wie so oft konnten sie nur Geschenke und Visitenkarten zurücklassen. 

Und doch erleben die Teams immer wieder kleine Wunder. So auch an einem Bordell, in das sie seit mehr als sechs Monaten nicht mehr hineingekommen waren. Beim letzten Besuch hatte ihnen niemand geöffnet, nur ein knappes „Nein“ war durch die verschlossene Tür zu hören gewesen. Dieses Mal kehrten sie ohne große Hoffnung und Erwartung zurück. Doch noch bevor sie ihr Ostergeschenk auch nur zeigen konnten, wurden sie von der Hausdame hereingebeten. „Ah, Sie sind wieder da, wie schön“, sagte sie. „Ich habe zwei Frauen, die mit Ihnen sprechen müssen.“

Als das Team sich vorstellte, zeigte die Hausdame auf eine der Mitarbeiterinnen und sagte: „Ich erinnere mich an Sie.“ Auch wenn unklar blieb, ob sie das Team wirklich wiedererkannte oder mit jemand anderem verwechselte – für die Mitarbeiterinnen war es ein wertvoller Moment. Sie trafen zwei Frauen, die Hilfe brauchten und mit Alabaster Jar in Kontakt bleiben wollten. „Wir haben wieder erlebt, dass Gott Türen öffnet“, fasst eine der Mitarbeiterinnen später zusammen.

Für Staunen sorgte an diesem Osterwochenende noch etwas ganz anders: ein selbst gebackener Osterzopf, den der Ehemann einer Mitarbeiterin vorbereitet hatte. In einem Bordell wurde er herumgereicht und bestaunt. Die Frauen konnten kaum glauben, dass ein Mann sich die Mühe gemacht hatte, so etwas Schönes zu backen. „Wo hast du so einen Mann gefunden?“, fragten sie lachend.

Ein selbstgebackener Osterzopf

Zwischen Schokoladeneiern, Eintopf und Osterzopf wurde an diesen Tagen etwas spürbar von der Osterbotschaft: dass Dunkelheit nicht das letzte Wort hat. Und dass selbst hinter verschlossenen Türen neue Wege beginnen können. Als am Abend nach dem Osternachmittag das Café schließt, brechen die Frauen auf. Sabrina packt ihre Osterschätze zufrieden in ihre pinke Handtasche. „Doch mal wieda Ostern jefeiert“, sagt sie fröhlich und macht sich auf den Weg.

 

Eure Spende erreicht die Frauen über unsere Einsätze hinaus in Form von kostenlosen Mahlzeiten, Kleidung sowie Beratung zu medizinischer Versorgung, Behördengängen oder einem Ausstieg.

Wir danken euch von Herzen für jede Gabe und jedes Gebet!

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