Ticket ins Rotlichtviertel
Wie Frauen in Deutschland in die Prostitution geraten

Jede Woche begegnet das Team unseres Projekts Alabaster Jar Frauen aus verschiedensten Teilen der Welt auf den Straßen und in Bordellen des Berliner Rotlichtmilieus – meist stammen sie aus ärmeren Ländern Osteuropas oder Südamerikas. Nicht alle von ihnen werden durch unmittelbare körperliche Gewalt zur Prostitution gezwungen. Dennoch empfinden die meisten von ihnen – wenn nicht sogar alle, mit denen wir sprechen – diese Situation als ihre einzige Möglichkeit, zu überleben und ihre Familien zu versorgen. Wenn eine Frau das Gefühl hat, keine andere Wahl zu haben und keinen anderen Weg zum Überleben zu kennen, kann man dann wirklich von einer freien Entscheidung sprechen?

Im Folgenden zeigen wir anhand einiger Beispiele, wie Frauen in die Berliner Sexindustrie geraten und dort in scheinbar ausweglosen Abhängigkeiten stecken bleiben. Alle Lebensgeschichten basieren auf realen Begegnungen. Die Namen wurden zum Schutz der Betroffenen geändert.

Ana

Ana stammt aus einem armen Dorf an der Küste Brasiliens. Mit 16 Jahren lernt sie einen deutlich älteren deutschen Mann kennen und verliebt sich in ihn. Er verspricht ihr, dass sie zu ihm nach Deutschland kommen könne, dass sie heiraten und gemeinsam ein neues Leben beginnen würden. Ana und ihre Familie sind sehr hoffnungsvoll, da sich für sie scheinbar die Möglichkeit einer besseren Zukunft eröffnet. Alle notwendigen Dokumente werden organisiert, sodass Ana – obwohl sie noch minderjährig ist – mit ihm reisen kann.

In Deutschland angekommen, heiratet der Mann sie jedoch nie. Er besitzt einen Stripclub und erklärt ihr, sie müsse dort arbeiten, um alles zurückzuzahlen, was er für sie und ihre Familie ausgegeben habe. Bald erkennt Ana, dass es nicht nur ums Tanzen geht, sondern auch darum, ihren Körper zu verkaufen. Aus Scham erzählt sie ihrer Familie in Brasilien nie die Wahrheit. Der Mann behält ihre Dokumente, kontrolliert ihr Geld und überweist immer wieder kleine Beträge davon an ihre Familie.

Nach der Geburt von zwei Kindern gelingt es Ana schließlich, ihn zu verlassen. Heute ist sie in ihren Dreißigern, kämpft mit einer Drogensucht und weiß nicht, wie sie sonst Geld verdienen soll. Prostitution ist die einzige Art von „Arbeit“, die sie kennt. Die Schule in Brasilien konnte sie nie abschließen.

Bianca

Bianca wurde als Mann geboren, identifiziert sich jedoch als Frau. In ihrem Herkunftsland ist dies strafbar. Ihr Vater setzt sie vor die Tür und sie hat große Angst um ihr Leben. Eine Freundin erzählt ihr: „Berlin ist der Ort, an dem man frei sein kann.“ Bianca schafft es, nach Deutschland zu kommen und dort zunächst Schutz zu finden.

Doch sie hat große Schwierigkeiten, Arbeit zu finden, wird obdachlos und lernt schließlich jemanden auf der Straße kennen, der ihr sagt, Prostitution sei ein einfacher Weg, schnell Geld zu verdienen. Sie beginnt in der Prostitution. Heute ist Bianca drogenabhängig, weiterhin obdachlos und leidet unter Depressionen. Der Mann, der ihr den schnellen Verdienst versprochen hatte, ist inzwischen ihr Zuhälter. Sie muss ihm den Großteil ihres Geldes abgeben und er versorgt sie zugleich mit Drogen.

Sara

Sara kommt aus Bulgarien. Mit 18 Jahren, kurz nach ihrem Schulabschluss, wird sie zur Heirat gezwungen. Ihre Eltern sagen, sie sei keine Jungfrau mehr, und es wäre eine Schande, ihren Freund nicht zu heiraten. Kurz nach der Hochzeit wird sie schwanger. Als ihr Kind fünf Jahre alt ist, verlässt ihr Mann sie für eine andere Frau.

Ihre Familie weigert sich, sie wieder aufzunehmen. Ihre Situation sei zu beschämend. Ein Cousin erzählt ihr, dass es in Berlin viele Möglichkeiten gäbe, schnell Geld zu verdienen, um sich dann ein Haus in der Heimat zu kaufen. Schließlich fasst Sara den Mut, nach Deutschland zu kommen. Sie weiß, dass es „keine normale Arbeit“ sein würde, geht aber davon aus, nur etwa ein Jahr in Berlin zu bleiben, um so für ihren Sohn sorgen zu können.

Inzwischen lebt sie seit zehn Jahren in Berlin. Schon bei ihrer Ankunft hat sie Schulden bei dem Cousin, der ihre Reise bezahlt und ihr eine Unterkunft vermittelt. In all den Jahren kann sie gerade genug verdienen, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken und gelegentlich etwas Geld an ihren Sohn zu schicken. Sie weiß, dass sie aufhören muss, fragt sich aber verzweifelt: „Was soll ich sonst tun?“ Sie glaubt, nichts anderes zu können.

Was wir auf der Straße sehen

Manchmal begegnen wir Frauen ohne Handy, die kein Deutsch sprechen. Einige wirken sehr jung. Wir versuchen, ihnen verständlich zu machen, dass es Hilfe gibt. Oft wirken sie verängstigt. Es kommt vor, dass Männer ihnen die Informationsflyer aus der Hand nehmen, nachdem wir sie in ihrer Muttersprache über Hilfsangebote informiert haben. Manche Frauen dürfen überhaupt nicht mit uns sprechen.

In Bars sehen wir viele Männer, die dort sitzen und die Frauen beobachten, als wären sie ihr Eigentum. So zeigt sich Menschenhandel in der deutschen Hauptstadt. Oft beginnt er mit etwas, das wie eine Liebesbeziehung aussieht, oder mit einem vermeintlichen Jobangebot – einem Ausweg aus extremer Armut und Gefahr, verbunden mit dem Versprechen einer besseren Zukunft. Sind Frauen erst einmal durch Scham, Trauma, Schulden oder Drogen gefangen, ist der Weg hinaus lang und schwer. Aber er ist möglich.

Darum gibt es Alabaster Jar

Seit fast 20 Jahren setzt sich das Projekt dafür ein, Würde wiederherzustellen und Frauen in der Berliner Sexindustrie eine Perspektive für eine bessere Zukunft zu eröffnen. Wir begegnen den Frauen bei Straßeneinsätzen, Besuchen in Bordellen und durch die Zusammenarbeit mit dem Café Neustart in der Kurfürstenstraße. Unser zentrales Anliegen ist es, den Frauen dort zu begegnen, wo sie stehen, und tragfähige Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Wir bieten praktische Hilfe an und sprechen – wenn und sobald die Frauen dafür offen sind – über den Glauben und Jesus Christus.

Mit wachsendem Vertrauen gewinnen viele Frauen langsam neues Selbstbewusstsein. Wir erinnern sie an ihren Wert und daran, dass sie ein Recht auf eine bessere Zukunft haben. Wir fragen nach ihren Träumen und Begabungen, und im Laufe der Zeit erzählen sie uns, wer sie wirklich sind und was sie sich für ihr Leben wünschen.

So schnell und unbewusst Mädchen und Frauen in die Prostitution geraten, so schwer und langwierig ist der Weg hinaus. Und nur die wenigsten finden ihn tatsächlich. Von den Frauen, die wir auf ihrem Weg begleiten dürfen, erzählen wir euch in unserem Blogbeitrag Entkommen aus der Prostitution.

 

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