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Wir bleiben
Unsere Hilfe in Venezuela geht weiter

Das Erdbeben in Venezuela ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Für die Menschen vor Ort ist die Katastrophe noch lange nicht vorbei. Christine Maag und Christian Giller waren für Samaritan’s Purse in Venezuela im Einsatz. Zwei sehr unterschiedliche Aufgaben führten sie immer wieder zu derselben Frage: Was können wir angesichts einer solchen Not überhaupt ausrichten?

Das Paar hat sich ihr ins Herz geschrieben. „Ich bete immer noch für sie“, erzählt Christine Maag. Begegnet ist sie den beiden an der Wasserausgabestelle in La Guaira. Hier, an einer der Entsalzungsanlagen von Samaritan’s Purse, werden täglich rund 8.000 Liter Meerwasser in Trinkwasser umgewandelt, das die Menschen für ihre Familien abholen. Christine ist zur Wasserstelle gekommen, um ein wenig Zeit mit den Menschen zu verbringen.

Christine Maag an unserer Wasserstation in Venezuela
Wasserstation in Venezuela
Wasserstation Venezuela
Wasserstation Venezuela

Ein Mann kommt gemeinsam mit seiner Frau und bleibt stehen. Er möchte sich offensichtlich unterhalten. Die Frau geht schnell vorbei, schaut kaum auf, wirkt in sich gekehrt, still, fast apathisch. Ihr Mann ist umso redseliger. Christine spricht kein Spanisch, ein Kollege übersetzt. Schließlich nimmt der Mann sein Handy aus der Tasche, zeigt Fotos. Darauf ist ein kleines Mädchen zu sehen: seine vierjährige Tochter Valentina. Es sind Bilder einer glücklichen Familie – im Alltag, beim gemeinsamen Eisessen. Ein Video zeigt Valentina in der Küche des Elternhauses, sie hilft ihren Eltern beim Kochen. Doch Valentina lebt nicht mehr. Als das Erdbeben kam, war das Mädchen für kurze Zeit allein im Haus, wurde verschüttet und starb.

Der Mann erzählt und gestikuliert. Hinter ihm liegt eine sechsspurige Straße, der Verkehr ist dröhnend laut. Menschen kommen und gehen, füllen Wasser ab und tragen es nach Hause. Schließlich verabschiedet sich auch der Mann, seine Frau kommt zurück, sie gehen. „Ich kenne ihre Namen nicht“, sagt Christine Maag, „aber ihre Gesichter werde ich nie vergessen.“

Zerstörtes Haus in Venezuela
Zerstörung in Venezuela

Vom Urlaub ins Katastrophengebiet

Normalerweise arbeitet Christine Maag bei Samaritan’s Purse in der Partnerkommunikation. Der Einsatz in Venezuela war ihr erster nach ihrem DART-Grundtraining. DART steht für „Disaster Assistance Response Team“ – so heißen die Katastrophenteams, die Samaritan’s Purse in Kriegs- und Krisengebiete entsendet.

Als sie am 24. Juni im Autoradio vom Erdbeben hört, ist sie gerade aus dem Urlaub zurück. „Ich habe es geradezu körperlich gespürt“, erinnert sie sich. „Gott sprach zu mir, klar und verständlich: Das ist dein Einsatz.“ Ob es tatsächlich so kommen würde, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie hatte Termine, Verpflichtungen, ihren normalen Arbeitsalltag. Dann bekundete sie ihre Einsatzbereitschaft – und wenig später kam die Nachricht, dass sie gebraucht wird und ausreisen darf.

Campsite in Venezuela
Küste Venezuelas

Ihre Aufgabe überrascht sie zunächst: Travel Management. Nicht unbedingt das, was Christine sich unter ihrem ersten Katastropheneinsatz vorgestellt hatte. Sie sitzt im Büro, ist zuständig für die Ein- und Ausreise der Katastrophenhelfer, koordiniert deren Transport innerhalb Venezuelas. Sehr schnell wird deutlich, wie entscheidend diese Arbeit ist – und wie kompliziert. „Am Anfang dachte ich: Das packst du nie!“, erzählt sie. Der Flughafen in La Guaira ist gesperrt. Einsatzkräfte müssen also zunächst über Curaçao anreisen und von dort in kleinen Maschinen mit je acht Sitzplätzen weiterfliegen. Innerhalb Venezuelas nutzen sie Busse und Autos, um zur Einsatzbasis zu gelangen, zum Emergency Field Hospital, zu Verteilpunkten und anderen Einsatzorten und wieder zurück.

Team-Andacht in Venezuela
Feldkrankenhaus in Venezuela

Am Ende wird Christine Maag während ihres Einsatzes die Bewegungen von insgesamt mehr als 400 Menschen gesteuert haben. Dabei lernt sie auch, dass Katastrophenlogistik eben nicht nur aus Flugplänen und Fahrzeiten besteht. Menschen verspäten sich, Gepäck geht verloren, jemand muss sich noch verabschieden oder braucht plötzlich mehr Zeit. Wie viel mehr, das ist kulturell durchaus unterschiedlich: „Ein südamerikanisches Goodbye dauert eben länger als ein deutsches“, sagt sie lachend.

Auch solche kleinen und großen Zwischenfälle gehören zum Einsatz. Christine Maag erlebt ihre Arbeit dabei als Teil eines viel größeren Ganzen. 

„Wir durften wirklich die Hände und Füße Jesu sein.“

 

Das habe sie getragen. Denn immer wieder begegnet sie Schicksalen, die sie verfolgen, und immer wieder fragt sie: Gott, warum?

Alles weg, was Halt geben könnte

Christian Giller ist Experte für Katastrophen – und das auch, wenn er nicht im Notfalleinsatz ist. Der 28-jährige Kölner hat zunächst Rettungsingenieurwesen studiert und anschließend einen Master in Disaster Management absolviert. Für sein Masterstudium ging er nach Israel. Dort erlebte er den 7. Oktober 2023 unmittelbar mit und lebte während des ersten Jahres des Krieges weiterhin im Land. Heute arbeitet er in Bonn und lebt mit seiner Frau zwischen Bonn und Köln.

Nach der Ukraine und Jamaika ist Venezuela das dritte Katastrophengebiet, in dem er für Samaritan’s Purse arbeitet. Dieses Mal ist er im Distribution Team und für die Verteilung von Hilfsgütern mitverantwortlich.

Mitarbeiter der Logistik im Einsatz in Venezuela
Logistikbüro in Venezuela

Morgens trifft sich das Team im Warenlager. Was ist vorhanden? Wohin geht es heute? Was wird wo benötigt? Gemeinsam mit lokalen Kirchengemeinden wird geklärt, wie groß die jeweilige Community ist und welche Hilfsgüter gebraucht werden. Oft werden die Lieferungen an einem zentralen Punkt übergeben, an dem Pastoren oder andere Ansprechpartner aus den Gemeinden warten. Verteilt werden unter anderem Wasser, Lebensmittel, Decken und Hygieneartikel – alles Dinge, die dringend gebraucht werden.

Verteilung von Hilfsgütern
Verteilung von Hilfsgütern

Und trotzdem begleitet Christian Giller besonders in den ersten Tagen immer wieder der Gedanke: 

„Das reicht nicht. Ich tue nicht genug.“ 

 

Ganze Familien sind beim Erdbeben ums Leben gekommen. Häuser sind zerstört, die Infrastruktur ist vielerorts zusammengebrochen, Menschen haben Angehörige, ihr Zuhause und jede Vorstellung davon verloren, wie es weitergehen soll. Viele Pastoren, mit denen das Team zusammenarbeitet, trauern selbst um Familienmitglieder, oft ist ihr Haus oder ihre Kirche zerstört worden. Und dennoch kümmern sie sich weiter um die Menschen in ihren Gemeinden. „Nach normalen Maßstäben ist bei manchen alles, wirklich alles weg, was Halt geben könnte“, sagt Christian Giller. Die Dimension dieser Verluste verändert auch seinen eigenen Blick auf das Helfen: „Das macht demütig.“

Zerstörung in Venezuela
Zeltlager in Venezuela

„Gott fordert mich heraus!“

Einer der Menschen, die Christian Giller besonders in Erinnerung geblieben sind, ist der Fahrer seines Teams, ein ruhiger Mann Anfang 30, dessen Frau ein Kind erwartet. Als das Team eines Tages zusammensteht, erzählt der Fahrer von dem, was ihm beim Erdbeben widerfahren ist: Neun Angehörige hat er verloren, darunter seine Eltern und seine Schwiegereltern. Auch sein Zuhause wurde zerstört.

Das Team betet gemeinsam für den jungen Mann, seine Frau und ihr ungeborenes Kind. Und der Fahrer sagt: 

„Ich verstehe nicht, warum ihr Christen so anders trauert.“

 

Für Christian Giller berührt diese Frage den Kern seines Glaubens. „Unsere Hoffnung liegt in Jesus“, sagt er. „Das verändert nicht das, was passiert ist. Aber es verändert, wie wir damit leben können.“ Der Einsatz in Venezuela hat deshalb auch ihn selbst verändert. „Ich dachte oft: Gott fordert mich hier heraus.“ Sein Glaube sei durch die Begegnungen nicht schwächer, sondern stärker geworden.

Schild im Feldkrankenhaus
Ermutigung für Kinder

Nach der Hochzeit in die Notunterkunft

Überall treffen die Einsatzteams auf Überlebende. „Jeder ist irgendwie von diesem Erdbeben betroffen“, sagt Christian Giller. Auch Christine Maag erlebt die Auswirkungen ganz direkt in ihrem Arbeitsumfeld. Eine junge Dolmetscherin, mit der sie zusammenarbeitet, hat durch das Erdbeben mehrere Menschen aus ihrem engsten Umfeld verloren. Eigentlich wollte sie Ende des Jahres groß heiraten, im Kreis ihrer Familie und ihrer Freunde. Inzwischen hat sie in aller Stille geheiratet – und lebt mit ihrem Mann in einem Zelt.

So viel Leid lässt sich auch für erfahrene Helfer nicht einfach verarbeiten. „Mein Eindruck war manchmal: Das ist ein verlassenes Land“, sagt Christine Maag. „Es braucht so viel mehr.“ Sie spricht darüber mit anderen Teammitgliedern, manche sind ausgebildet in Seelsorge. Doch auch sie kennen das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer Katastrophe, für die es keine Antwort und schon gar keine schnelle Lösung gibt. Eines jedenfalls ist sicher: 

„Wir bleiben. Vor Ort und im Gebet.“

Kind in Notunterkunft
Logistik Venezuelahilfe Samaritan's Purse

Christine Maag und Christian Giller sind inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Arbeit von Samaritan’s Purse in Venezuela geht weiter. Im Emergency Field Hospital wurden inzwischen mehr als 7.700 Patientinnen und Patienten behandelt. Zugleich unterstützt Samaritan’s Purse die betroffene Bevölkerung weiterhin mit Lebensmitteln, sauberem Wasser sowie Angeboten zur Sanitär- und Hygieneversorgung. Dazu gehören Lebensmittelpakete ebenso wie warme Mahlzeiten, die teilweise von Kirchengemeinden zubereitet werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Übergangsunterkünften für Familien, die ihr Zuhause verloren haben. Die stabilen Konstruktionen aus Holz und Planen sind mit einem festen Dach und einer Regentonne zur Trinkwasserversorgung ausgestattet. Sie sollen den Familien in den kommenden Jahren Schutz und ein Stück Stabilität geben.

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