ZU WISSEN, DASS GOTT EINEN RUFT
Interview mit Joas über seinen Katastropheneinsatz in Äthiopien

13. JULI 2021  |  ÄTHIOPIEN

Joas ist der erste Katastrophenhelfer, den wir durch unser deutsches Samaritan’s Purse-Büro auf einen Katastropheneinsatz schicken konnten. Im Mai 2021 war er drei Wochen in Äthiopien und hat dort Familien geholfen, die aufgrund der Konflikte ihre Heimat verlassen mussten. Im Interview berichtet er von seinem Einsatz.

Wie bist du auf unser Katastrophenprogramm (DART) aufmerksam geworden?

Vor circa einem Jahr hab ich angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, neben meinem Job irgendwo mitzuhelfen. Ich hab mich also erkundigt, welche christlichen Organisationen Einsätze anbieten und dabei habe ich dann auch Samaritan’s Purse gefunden. Meine Geschwister haben vor ein paar Jahren mal in der Weihnachtswerkstatt in Birkenfeld bei Pforzheim mitgeholfen. Aber es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen hab, dass „Weihnachten im Schuhkarton“ und Samaritan’s Purse zusammengehören.

Was mich am meisten bei eurer Katastrophenarbeit begeistert hat, ist, dass ihr nicht nur in professioneller Weise Menschen helft, sondern es tut, um ihnen ganz praktisch Gottes Liebe nahezubringen.

Wie lief dann der ganze Bewerbungsprozess ab?

Ich hab mich erstmal auf euer Webseite informiert und im Oktober 2020 hatte ich dann das erste Mal Kontakt zu Luise, der zuständigen Mitarbeiterin. Es war ein längerer Prozess, mit dem Arbeitgeber meines Jobs abzuklären, ob er mich für einen Zeitraum von drei Wochen freistellt. Aber er hat’s getan und ich seh das als absolutes Wunder an und bin total dankbar dafür.

Ich hab dann das DART-Training von Samaritan’s Purse gemacht und dann kam die Anfrage, ob ich als Ingenieur und Logistiker nach Äthiopien gehen würde. Und dank der guten Vorbereitung und Begleitung konnte ich dann Anfang Mai losfliegen.

Joas DART Äthiopien

Hast du Vorerfahrungen mit Katastrophenarbeit?

Nein, nicht wirklich. Aber ich war nach dem Abi zehn Monate in Ruanda und Tansania. Dort habe ich u. a. mitgeholfen, beschädigte Wasserleitungen zu reparieren. Es ist definitiv ein anderes Arbeiten als bei uns gewesen – die Rohre waren teilweise einen Meter unter der Erde vergraben und wir wussten nicht, wo sie verlaufen oder wo das Leck sein könnte. Aber zu sehen, dass durch diese Reparaturen die Menschen nicht mehr kilometerweit laufen müssen, um an Wasser zu kommen, war es wert.

Würdest du dich selber als abenteuerlustigen Mensch beschreiben?

Nein, definitiv nicht. So ein Einsatz liegt total außerhalb meiner Komfortzone. Aber man muss die Wege gehen, die Gott führt und leitet. Und Gott hat auf jeden Fall Wege geebnet – vor allem auch die Sache mit meinem Arbeitgeber – sodass ich wusste, dass ich mich für so einen Einsatz zur Verfügung stellen muss.

Joas DART Äthiopien
Der DART-Einsatz in Äthiopien war für Joas (links) der Erste von – hoffentlich – vielen.

Mit welchen Erwartungen bist du denn in deinen Einsatz gegangen?

Ich glaube es ist wichtig, dass man mit wenigen Erwartungen geht. So wie auch Kelly Sites in ihrem Interview gesagt hat: Wenn wir denken, wir sind die Lösung zu allen Problemen, dann kommen wir mit der falschen Einstellung. Man muss einfach wissen, dass Gott einem diese Sache aufs Herz legt und dass Gott auch derjenige ist, der durch jeden Einzelnen wirkt. Es kann nämlich gut sein – so wie bei mir auch – dass man nicht die aufregenden Aufgaben übernimmt, wie Essensverteilungen oder Lkw-Beladungen, sondern die meiste Zeit im Büro arbeitet. Jemand erzählte mir, dass der Großteil von NGO-Arbeit tatsächlich Büroarbeit ist. Aber wenn es mir nicht um mich geht, sondern darum, dass Gott Menschen durch Samaritan’s Purse helfen kann, dann ist mir egal, welche Aufgabe ich übernehme. 

„Es bedeutet ihnen einfach alles“ (Interview mit DART Kelly Sites)
Kelly Sites ist bereits seit mehr als zehn Jahren als Katastrophenhelferin für Samaritan’s Purse im Einsatz.

Und vermutlich ändern sich die Dinge ja auch ständig?

Total! In so einer Arbeit muss man sich täglich auf Planänderungen einstellen. Wir mussten z. B. durch mehrere Checkpoints fahren und man wusste nie, ob man durchkommt oder nicht doch vielleicht wieder zurückfahren muss und dann nicht das tun kann, was man eigentlich wollte. Aber gleichzeitig merkt man auch, wie Gott in den kleinen Details arbeitet. In Mek’ele gab es zum Beispiel ein Klempnerproblem und weil ich früher ab und zu meinem Vater beim Klempnern geholfen habe, konnte ich mich spontan um das Problem kümmern.

Gott bringt zur richtigen Zeit die richtigen Leute – das sehen wir meistens erst, wenn wir uns darauf einlassen.

Was war denn die größte Herausforderung?

Ich glaube, dass vieles so viel länger dauert. Effizientes Arbeiten ist grundsätzlich schwierig. Ich habe z. B. verschiedene Besorgungen gemacht und was bei uns vielleicht 30 Minuten im Supermarkt dauert, dauert in Ländern wie Äthiopien drei bis vier Stunden, weil man durch die ganze Stadt von einem Laden zum nächsten fahren muss. Und natürlich war die allgemeine Situation in Äthiopien herausfordernd. Aber zu wissen, dass wir als Samaritan’s Purse den vertriebenen Familien durch Essen und Unterkünfte helfen können, hat das Ganze wettgemacht. 

Joas DART Äthiopien

Und wir sind auch so dankbar für Menschen wie dich, die praktisch anpacken. Was waren denn die besten Erlebnisse?

Die Zusammenarbeit mit dem Team war ein total beeindruckendes Erlebnis. Es war eine bunte Truppe – Kanadier, Amerikaner, ein paar Europäer. Einige der Leute waren vorher auf den Bahamas oder in Armenien im Einsatz und haben schon viel Erfahrung in Katastrophenarbeit, andere waren – so wie ich – das erste Mal dabei. Jeder war total nett und jeder unterstützt jeden. Wenn man Fragen hat, dann sind immer Leute zum Helfen da – vor allem meinem Chef habe ich viel zu verdanken.

Ich habe auch die gemeinsamen morgendlichen Andachten sehr genossen. Wir haben zusammen gebetet und ich hatte viele gute Gespräche über den Glauben. Viele dieser Gespräche beschäftigen mich jetzt noch immer. Vielleicht lande ich ja doch irgendwann noch mal in der christlichen Vollzeitarbeit.

Was würdest du Leuten sagen, die sich fragen, ob so ein Katastropheneinsatz das Richtige für sie ist?

Ich denke das Wichtigste ist, dass sie wissen, dass Gott sie dazu ruft. Denn dann kann man auch schwierige Situationen oder Planänderungen aushalten. Und es ist wirklich wichtig, dass man sich in Englisch verständigen kann. Aber wenn das gegeben ist, dann kann ich DART nur empfehlen, weil es den Menschen vor Ort wirklich hilft und weil man selbst dabei auch sehr viel lernt.

Was würdest du noch als letzten Tipp anderen auf den Weg geben?

Stell sicher, dass dein persönliches Gebetsleben aktiv und lebendig ist! Ohne die ständige Verbindung mit Gott, kann man an den Problemen schnell verzweifeln. Mich hat die Geschichte ermutigt, wo Jesus den Sturm stillt und seine Jünger fragt: „Warum habt ihr Angst? Habt ihr denn noch immer kein Vertrauen zu mir?“ An diesem Vers hab ich mich von Anfang an festgehalten. Denn wir können den Sturm oder die Probleme in Äthiopien nicht stillen. Aber wenn Jesus dabei ist, dann können wir – selbst als Unerfahrene – uns sicher fühlen.

Wir können die Probleme nicht lösen, aber wir können durch unseren Einsatz und unsere Hingabe Menschen mit der Liebe Jesu begegnen.

Joas DART Äthiopien
„Der kleine Junge hat einfach meine Hand genommen und sie nicht mehr losgelassen, bis ich mich wieder verabschiedet habe“, erzählt Joas von einem seiner Lieblingsmomente während seines Einsatzes.

Als Katastrophenhelfer sind wir keine Helden, sondern Diener. Jesus ist unser Halt und er ist auch derjenige, der den Menschen in ihrer Not wirklich helfen kann.

Vielen Dank, Joas! Wir hoffen, dass sich durch deine Erlebnisse noch mehr Leute als Katastrophenhelfer bewerben.

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